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"Willkommen in Hamburg" - Meine ersten Eindrücke

Guido Gdowzok,

Endlich habe ich den neuen Hamburger Tatort mit Til Schweiger auch gesehen. Hier meine Eindrücke ...

Mein vorerst erster Eindruck

Ich fand Til Schweigers Tatort nicht schlecht. Ich mag Tatort, ich mag Action und ich mag auch Til Schweiger samt Nuscheln ganz gern. "Willkommen in Hamburg" war OK, gute Unterhaltung für den Sonntagabend.

Aber: War es ein ganz neuer Tatort?

Im Vorfeld gab es dazu jede Menge Presserummel. Til Schweiger selbst hat dafür gesorgt: Eine neue Produktionsfirma, ein neuer Name für den Kommissar, sogar dem Vorspann ging es fast an den Kragen. Ein ganz neuer Tatort sollte her, eine Revolution ...

Die Rechnung ging auf, die Quote hat gestimmt. Aber hat die Revolution stattgefunden?

Ich wollte es genau wissen und habe nochmal geschaut ...

Die Kommissare

Wir alle kennen das Klischee vom schniefenden Kommissar. Oft ist es ein schlimmer Schnupfen, manchmal eine ausgewachsene Grippe oder gar ein wild wuchernder Tumor. Polizisten sind Alkoholiker und haben zerrüttete Familien. Sie sind aufmüpfig gegenüber Vorgesetzten, böse zu hohen Tieren und gut zu gefallenen Mädchen. Und sie haben Freunde, die auf die dunkle Seite gewechselt sind.

So weit das Klischee. Was davon trifft auf das neue Ermittlerduo zu? So ziemlich alles.

Nick Tschiller ist geschieden, aber gerade zur Ex-Familie zurück gezogen, um seiner Teenager-Tochter nah zu sein. Er ist genesender Alkoholiker. Er geht rein, wo er nicht darf, gehorcht dem Chef nicht und liefert sich einen Zickenkrieg mit der sexy Staatsanwältin. Er rettet das gefallene Mädchen, nimmt sie aber nicht nach Hause mit, sondern parkt sie political correct in der Wohnung seines Partners Yalcin Gümer, der praktischerweise im Krankenhaus liegt bzw. liegen sollte. Denn der ist trotz seiner Gebrechen im Rollstuhl oder auf Krücken nicht immer mitten im Geschehen, aber immer mit von der Partie. Das Ermittlerduo vereint also alle gängigen Klischees. Mehr noch, statt mit den Klischees zu brechen oder zu spielen, werden diese noch weich gespült. Und der kriminelle Ex-Kollegen setzt dem ganzen noch die Krone auf ...

Tschiller will eine gebrochene Figur sein, will Sympathiepunkte einsammeln durch seine Unzulänglichkeiten, gleichzeitig aber sauber bleiben: Wasch' mich, aber mach' mich nicht nass! Das funktioniert nicht, Nick Tschiller ist zu sauber, nichts bleibt an ihm hängen, die Figur ist clean und steril wie eine Teflonpfanne. Etwas mehr Mut zum Schmutz, so wie Götz George als Schimanski, würde gut tun. Ein gutes Vorbild wäre auch der Wiener Tatort, der gerade aus der maroden Menschlichkeit seiner Ermittler Moritz Eisner und Bibi Fellner soviel Impact gewinnt.

Ähnliches gilt für das Duo. Zwar brilliert Fahri Ogün Yardim als Yalcin Gümer und sorgt durch seine Hamburger Schnauze für einen tollen Lokalkolorit, er ist jedoch zu einem Dasein in der zweiten Reihe verurteilt. Yalcin Gümer spielt Nick Tschiller Bälle zu, ist sein Libero, sein Schutzengel. Er darf nicht viel mehr sein als eine Verlängerung der Figur Nick Tschiller, ein Wurmfortsatz. Eigentlich ist Nick Tschiller ein Einzelkämpfer, der wie sein Vorgänger Cenk Batu, niemand anderem bedarf als seiner selbst. Folglich fehlt in der Symbiose Tschiller-Gümer auch jedes Konfliktpotential, das man als Zuschauer gespannt oder belustigt verfolgen könnte.

Das ist Schade! Gerade ein Ermittlerduo mit Konflikten, das dennoch durch die Enge der Ermittlungen immer wieder dazu gezwungen wird, sich aneinander zu reiben, erzeugt soviel Hochspannung. Ich muss an Horst Schimanski und Christian Tanner denken, da tat es manchmal weh, den beiden beim Streiten zuzuschauen. In der beinahe Männerfreundschaft Frank Thiel und Karl-Friedrich Börne entsteht dadurch reichlich Klamauk. Und die Frankfurter Paarung Conny Mey-Frank Steier hatte wahnsinnig viel Potential irgendwo zwischen Komik, Tragik und Einsamkeit.

Klar: Es ist auch ein Klischee, dass zwei Ermittler eigentlich nicht miteinander können, doch müssen. Aber Konflikte sind, wie gebrochene Menschen, eben nicht nur Klischee, sondern auch echt spannend. Richtig spannend ist am neuen Ermittlerduo Tschiller-Gümer eigentlich nichts. Egal, wenn schon nicht die Ermittler, dann vielleicht ja der erste Fall ...

Die Handlung

Ein guter Krimi hat für mich drei Zutaten: Die Welt wird ein Stück besser. Ich tappe zwischendurch im Dunkeln. Und das Ganze ist spannend.

"Willkommen in Hamburg" macht die Welt ein Stück besser. Die Bösen, die perversen Schweine, werden am Ende geschnappt oder gleich am Anfang abgeschlachtet. Soweit so gut.

Viel Wirbel gab es ja um die drei Toten gleich in den ersten Minuten des Tatorts. Warum eigentlich? Im Wiener Tatort "Zwischen den Fronten" und im Bremer Tatort "Abschaum" gab es einen viel höheren Body-Count. Neu? Ist das nicht!

Nicht gefallen hat mir die mangelnde Tiefe. Ich will die Bösen hassen, bevor ich sie sterben sehe. Ich will selbst den Trigger ziehen wollen. So wie in Tarantinos "Django Unchained". Wer hätte da nicht abgedrückt? Im Tatort dagegen hatte ich nicht die Chance, die Bösen hassen zu lernen, zu früh sind sie ausradiert worden. Den größten Schurken aber killt Tschiller nicht, er erschreckt ihn mit dem Countdown einer sprechenden Eieruhr. Immerhin, ich die habe Luft angehalten. Django hätte das Schwein in die Luft gejagt!

Die Handlung ist sehr aktionsreich, ihr fehlt die klassische Ermittlungsarbeit mit ihren offenen Fragen und überraschenden Wendungen (und manchmal auch Langeweile). Es findet eine Jagd auf bekannte oder schnell ermittelte Täter statt, die erlegt sein müssen, bevor die Zeugen zum Schweigen gebracht sind. Ein klassischer Krimi ist der Til-Schweiger-Tatort nicht. Ein Thriller ist er jedoch auch nicht, zu unverletzlich wirkt Nick Tschiller trotz der eingesammelten Blessuren. Die Tochter des Kommissars gerät nicht in die Schusslinie, ihre Ähnlichkeit mit der Hauptzeugin schreit eigentlich danach.

Die Handlung erinnert an einen James Bond oder eine Mission Impossible. Dafür funktioniert sie gut! Dazu trägt auch die Figur Yalcin Gümer bei. Der Hacker macht Spaß, läuft aber immer auch Gefahr einen Deus ex Machina zu erschaffen. Sobald die Handlung einen logischen Bruch hat oder eines unerklärlichen Twists bedarf, erledigt das Gümer ebenso schnell wie nebulös mit dem Laptop. Hier sollten die Tatort-Macher aufpassen, dass der Erzählfluss nicht zu sehr mit unglaublichen Sprüngen gespickt wird. Mir kommt das sekundenschnelle Hacken von Telefonleitungen jedenfalls komisch vor. Apropos Komik ...

Die Komik

Der neue Tatort bietet auch komische Momente. Tschillers vergebliche Versuche, seiner Tochter ein pflaumweiches Ei zu kochen, sind schön anzuschauen und münden schließlich in der missbräuchlichen Verwendung der Eieruhr als Bombenattrappe. Schön vorbereitet und ein guter Lacher!

Auch Gümers hamburgisch-schnodderige Art ist komisch. Sie droht jedoch auch, die Action unfreiwillig in Klamauk zu verwandeln. Yalcin Gümer im Rollstuhl, allein, mitten in der Nacht, vor einer dunklen Lagerhalle, als Schnorrer getarnt, erinnern mich an Szenen aus den Vorstadtkrokodilen.

Es wurde schon kritisiert, Schweiger spiele wieder einmal nur sich selbst. Mich stört das nicht, da ich Til Schweiger gern sehe und - ja - auch gern höre. Ich kann aber verstehen, dass es schwer fällt, sich in eine Geschichte fallen zu lassen, wenn man statt Nick Tschiller immer nur Til Schweiger sieht. Da hätte des dem Tatort gut getan, wenn Til Schweiger ganz klammheimlich aufgetaucht wäre, ohne die ganze Publicity: Reden ist Schweiger, Schweigen ist Gold. Die selbstironischen Anspielungen "Ich nuschele manchmal ..." sind in diesem Kontext zwar lustig, sie tragen aber dazu bei, die Geschichte zu stören, weil sie daran erinnern, dass dort nicht Tschiller, sondern tatsächlich Schweiger zu sehen ist.

Für einen Action-Film ist mir der Hamburger Tatort-Humor zu harmlos, nicht schwarz genug!

Mein endgültig erster Eindruck

Die Action-Szene sind super! Figuren und Handlung sind mir jedoch zu flach, zu familientauglich, zu forgettable. Richtig neu oder revolutionär war da nichts. Stattdessen tanzt der Til-Schweiger-Tatort auf allen Hochzeiten: viel Action, ein wenig Krimi, ein wenig Thriller, ein wenig Comedy. Zu viel von zu wenig! Eine konsequente Beschränkung auf ein Genre, nämlich knallharte Action, wäre besser. Lustigen Tatort können die Münsteraner momentan sowieso am besten.

Einmal im Jahr soll es in Zukunft einen Hamburger Tatort mit Til Schweiger geben. Für nächstes Jahr wünsche ich mir einen knallharten Action-Tatort, eine spannende Story, Tonnen von schwarzem Humor und Nick Tschiller als Superheld in ständiger Lebensgefahr.

Wenn das kein guter Vorsatz ist ...